Programmheft Konzert Januar 2026

Lili Boulanger (1893‑1918): D’un matin de printemps

Maurice Ravel (1875‑1935): Le Tombeau de Couperin

Emilie Mayer (1812‑1883): Ouvertüre in d‑Moll

Johannes Brahms (1833‑1897): Ungarische Tänze Nr. 7, 14, 13 und 5


Samstag, 17. Januar 2026, 19:30,
Herzogenbuchsee, Reformierte Kirche

Sonntag, 18. Januar 2026, 17:00,
Bern, Französische Kirche


Leitung: Matthias Kuhn

Grusswort

Liebe Konzertbesucherinnen und Konzertbesucher,
liebe Freundinnen und Freunde des Medizinerorchesters Bern

Es ist mir eine besondere Freude, Sie zu unseren Konzerten in der reformierten Kirche Herzogenbuchsee und in der Französischen Kirche Bern willkommen zu heissen. Als neuer Präsident unseres Orchesters erfüllt es mich mit Dankbarkeit und Stolz, gemeinsam mit Ihnen musikalische Entdeckungen zu teilen und dieses klingende Gemeinschaftswerk fortführen zu dürfen.

Unser diesjähriges Programm lädt dazu ein, Europa zwischen 1850 und 1920 mit den Ohren zu erkunden. Die damalige Zeit war von tiefgreifenden Umbrüchen geprägt: Industrialisierung, neue Kommunikationsmittel und ein Gefühl der Verunsicherung veränderten das Leben der Menschen grundlegend. Heute stehen wir erneut an einer Schwelle. Digitalisierung, künstliche Intelligenz und die globale Vernetzung eröffnen enorme Möglichkeiten – und rufen zugleich neue Fragen und Ängste hervor, nicht zuletzt angesichts eines Krieges in Europa. In solchen Momenten kann Musik Orientierung geben: als Raum des Innehaltens, der Reflexion und der Verbindung über Zeiten und Grenzen hinweg.

Ich wünsche Ihnen ein inspirierendes, anregendes und berührendes Konzerterlebnis. Herzlich willkommen!

Ihr Philippe Monnerat, Präsident Medizinerorchester Bern

EUROPA

von Matthias Kuhn

Zwischen 1850 und 1920 verschob sich Europas Landkarte mehrfach, Gesellschaftsstrukturen veränderten sich radikal. Diese Zeitspanne ist geprägt von enormen Umbrüchen: von den Revolutionen von 1848 über die Gründungsprozesse neuer Nationalstaaten und die Industrialisierung bis hin zu den Zerstörungen des Ersten Weltkriegs. Auch musikalisch war Europa in dieser Ära in Bewegung: Alte Traditionen wurden neu betrachtet, nationale Identitäten formierten sich, und Komponistinnen und Komponisten reagierten auf die Widersprüche und Hoffnungen ihrer Zeit. Unser Programm nimmt Sie mit auf eine Reise durch diese musikalischen Spiegelungen – bon voyage!

Lili Boulanger – D’un matin de printemps

Boulanger Marie-Juliette Olga «Lili» Boulanger (1893–1918) war eine der begnadetsten jungen Komponistinnen ihrer Zeit. Sie war die erste Frau, die den berühmten Prix de Rome gewann, und gilt bis heute als musikalisches Genie. D’un matin de printemps entstand in ihren letzten Lebensmonaten: zuerst als Duett (Violine und Klavier) im Frühjahr 1917, dann als Trio-Version und im Januar 1918 schliesslich in der heute gespielten Orchesterfassung. Diese ist transparent und leicht: Holzbläser flirren, Streicher perlieren, die Harmonie ist oft subtil verschoben. Boulanger erzeugt ein impressionistisches Bild – aber nicht nur als Reflexion von Natur, sondern als innerer Frühling, als schöpferischer Aufbruch. In ihren kurzen, verdichteten Motiven spürt man die Dringlichkeit eines Schaffens, das zugleich zart und bestimmt ist. Dieses Stück ist das letzte grosse Orchesterwerk, das sie vor ihrem Tod schrieb. In europäischer Perspektive reflektiert D’un matin de printemps sehr konkret den Aufbruch im Angesicht von Umbrüchen: Der «Frühling» im Titel wird zur Metapher für schöpferische Erneuerung, selbst in politisch unsicheren Zeiten.

Maurice Ravel – Le Tombeau de Couperin

Ravel 1895 wegen «Gebrechlichkeit» vom Militärdienst befreit, strebte Ravel ab Beginn des Ersten Weltkriegs an, sich zu melden: Er konnte nicht zurückbleiben und seine Freunde (Maurice Delage, Florent Schmitt usw.) ihr Leben riskieren lassen. 1915 konnte er in den Hilfsdienst eintreten, wo er im Militärbesatzungszug diente, der den Transport und die Logistik des Regiments verwaltete. Ravel fuhr einen Lastwagen, seine berühmte «Adélaïde». Im September 1916 erkrankte er an Dysenterie und Peritonitis. Er wurde nach Paris zurückgeführt und dann in der ersten Hälfte des Jahres 1917 demobilisiert. Seine Suite Le Tombeau de Couperini>, komponiert genau in dieser Zeit zwischen 1914 und 1917, entstand zunächst für Klavier solo, bevor Ravel das Werk 1919 orchestrierte. Jeder Satz trägt den Namen einer Person, die an der Front gekämpft hat oder gefallen ist. Die Widmungsträger der orchestrierten Sätze sind:

Prélude – Jacques Charlot
Forlane – Gabriel Deluc
Menuet – Jean Dreyfus
Rigaudon – Pierre und Pascal Gaudin

Für diese Suite griff Ravel auf die traditionellen Formen der französischen Klaviermusik zurück, die von François Couperin entwickelt wurden. Ravel nahm barocke Tanzformen wie Prélude, Forlane, Menuet und Rigaudon und versah sie mit modernen harmonischen Färbungen im zeitgenössisch farbigen Orchesterkleid. Elegant und fast fröhlich, erinnert die Suite nicht an die Schrecken des Krieges. Ravel meinte dazu: «Les morts sont assez tristes dans leur silence éternel.» Vielmehr zeigt der Rückgriff auf alte Formen die Sehnsucht nach Stabilität und früherer Ordnung in den kriegsgebeutelten Jahren. Ravel schreibt mit «Le Tombeau» wahrhaft französische Musik. Er hat sich aber immer gegen blinden Chauvinismus gewehrt: «Mais je ne crois pas que pour la ‹sauvegarde de notre patrimoine artistique national› il faille interdire d’exécuter publiquement en France des œuvres allemandes et autrichiennes contemporaines, non tombées dans le domaine public, … Il serait même dangereux pour les compositeurs français d’ignorer systématiquement les productions de leurs confrères étrangers et de former ainsi une sorte de coterie nationale : notre art musical, si riche à l’époque actuelle, ne tarderait pas à dégénérer, à s’enfermer en des formules poncives.» Als Sohn eines französisch-schweizerischen Vaters und einer baskischen Mutter hatte er eine europäische Verwurzelung und lehnte 1920 die Nomination zum Chevalier de la Légion d’honneur ab. Kein stumpfer Nationalismus, nicht einmal in den Zeiten der Unsicherheit!

Emilie Mayer – Ouvertüre in d-Moll

Mayer Emilie Luise Friederika Mayer (1812–1883) war eine der produktivsten und erfolgreichsten Komponistinnen des 19. Jahrhunderts. Sie komponierte acht Sinfonien, zahlreiche Ouvertüren, Kammermusik, Klaviersonaten und Lieder. Geboren in Friedland (Mecklenburg), wuchs Mayer als Tochter eines Apothekers auf. Später studierte sie Komposition bei Carl Loewe in Stettin sowie Kontrapunkt und Orchestrierung – u. a. bei Adolf Bernhard Marx in Berlin. Nachdem sie sich als Komponistin etabliert hatte, zog sie nach Berlin, organisierte dort Aufführungen ihrer Werke im Königlichen Schauspielhaus und gewann Anerkennung weit über die Stadtgrenzen hinaus. Ihre d-Moll-Ouvertüre steht exemplarisch für ihren musikalischen Ansatz: Sie beginnt mit energischen, impulsiven Themen – eine Anspielung auf den „Sturm und Drang“ –, zeigt dynamische Steigerungen, rasch wechselnde Figuren und rhythmische Vitalität. Gleichzeitig gestaltet Mayer weite melodische Bögen und dramatische Spannungsbögen, die den romantischen Ausdruck ihrer Zeit widerspiegeln. Ihre Harmonik zeichnet sich durch plötzliche Tonartwechsel, den Einsatz von Septakkorden und unerwartete Auflösungen aus. Ihre Rolle als Frau in der Musikszene des 19. Jahrhunderts war ungewöhnlich: In einer von Männern dominierten Welt behauptete sie sich als ernstzunehmende Sinfonikerin. Ihr Erfolg war nicht nur musikalisch, sondern auch gesellschaftlich ein Aufbruch – sie ebnete Wege für nachfolgende Komponistinnen.

Johannes Brahms – Ungarische Tänze

Brahms Johannes Brahms (1833–1897), einer der zentralen Komponisten der Romantik, komponierte die Ungarischen Tänze (WoO 1) in den Jahren 1869 (erster Band) und 1880 (weiterer Teil). Viele der Themen stammen aus der ungarischen Volksmusik bzw. dem sogenannten «Zigeunerstil», den Brahms studierte und bearbeitete. Ursprünglich waren es Klavierstücke zu vier Händen – eine Form, die im 19. Jahrhundert sehr beliebt war. Sie ist Ausdruck des häuslichen Musizierens in den bürgerlichen Stuben der Europäer. Später die Tänze orchestriert – zum Teil durch Brahms selbst, aber auch durch andere Komponisten. Unsere Tänze haben folgende Komponisten orchestriert:

Nr. 7: Martin Schmeling (1864‑1943),
Nr. 14, 13, 5: Albert Parlow (1824‑1888)

Die Ungarischen Tänze sind tanzhaft, virtuos, voller Energie und Nostalgie zugleich. Durch ihre Volksmusikbezüge spiegelt Brahms europäische Vielfalt: Er übernimmt Elemente ungarischer Musik, verarbeitet sie jedoch in einer europäischen Kunstmusiktradition. Damit zeigt sich eine Auseinandersetzung mit nationaler Identität – typisch für das 19. Jahrhundert, als viele Komponisten sich mit Zugehörigkeit, Herkunft und kulturellem Erbe beschäftigten. Musik ist nie einfach nur «schön». Wir können in ihr immer auch Kontext erleben, Stimmen einer Epoche, Umbrüche, Hoffnungen, Verluste und Neugestaltung. Spüren Sie mit uns im heutigen Konzert. Sogar die Frage sei erlaubt: Welche Relevanz haben diese Töne in Ihrem Leben als Europäer:in?



Bon divertissement!

November 2025

Musikerinnen und Musiker Januar 2026

Violine 1:
Anik Stucki (Konzertmeister), Marija Berlad, Cécile Bernet, Regine Glatz. Noemi Honegger, Marianne Hurter, Regine Knöpfli, Domenica Lutz, Stephanie Odermatt. Ruth-Lisa Roder, Angelina Scherrer, Christine Stettler, Françoise van der Zypen

Violine 2:
Annika Rentenaar*, Serafin Albin, Susanne Arnold, Reto Barandun, Sabina Gugger, Leyla Schafroth, Dorothee Schneider, Valérie Schnyder, Pierre Seidel, Manu Sells‑Rohrbach, Cornelia Stähelin

Viola:
Christine Scheidegger*, Regula Fankhauser, Werner Gredig, Ruedi Gerber, Susanne Grimm, Christine Hofstetter, Michael Kläy, Felizia Nägeli, Monika Sterchi, Sylvia Wolz

Violoncello:
Christoph Zuber*, Simone Egli, Naïma Furlan, Dorothea Good, Renata Josi, Karin Scholer, Jan Wartenberg

Kontrabass:
Martina Rivola*, Ekkehard Hewer,  Michael Steinauer

Flöte/Piccolo:
Daniel Lappert,  Valentina Kindler,  Tak Him Wonh

Oboe/Englischhorn:
Stefan Oberholzer,  Kevin Nobs

Klarinette:
Martin Tschirren,  Martina Hunziker,  Moritz Willers

Fagott:
Valerie Eggenberg,  Daiana Leuenberger

Horn:
Bernard Chappuis,  Christian Schmitter,  Barbara Rindlisbacher,  Kathrin Siegrist

Trompete:
Philippe Monnerat,  Felix Mühlethaler

Posaune:
Michel Sterckx,  Philipp Stettler,  Michael Haslebacher

Tuba:
Christian Eichenberger

Pauke/Schlagwerk:
Christoph Lindenmann,  Miryam Giger,  Peter Zurbrügg,  Christian Eichenberger

Harfe:
Annina Riesen

* Stimmführung